Donnerstag, 1. Juli 2010

Märchen sind immer wieder schön

Das hier mag ich besonders.


Jorinde und Joringel


Es war einmal ein altes Schloß mitten in einem großen dicken Wald,
darinnen wohnte eine alte Frau ganz allein, das war eine Erzzauberin.
Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des Abends aber
wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild
und die Vögel herbei locken, und dann schlachtete sie es, kochte und briet es.
Wenn jemand auf hundert Schritte dem Schloß nahe kam, so mußte er stille
stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn los sprach:
wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreiß kam, so verwandelte sie
dieselbe in einen Vogel, und sperrte sie dann in einen Korb ein, und trug den
Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher
Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse.

Nun war einmal eine Jungfrau, die hieß Jorinde: sie war schöner als alle
andere Mädchen. Die, und dann ein gar schöner Jüngling, Namens Joringel,
hatten sich zusammen versprochen. Sie waren in den Brauttagen und sie hatten
ihr größtes Vergnügen eins am andern. Damit sie nun einsmalen vertraut
zusammen reden könnten, giengen sie in den Wald spazieren. 'Hüte dich,'
sagte Joringel, 'daß du nicht so nahe ans Schloß kommst.' Es war ein schöner
Abend, die Sonne schien zwischen den Stämmen der Bäume hell ins dunkle Grün
des Waldes, und die Turteltaube sang kläglich auf den alten Maibuchen.

Jorinde weinte zuweilen, setzte sich hin im Sonnenschein und klagte;
Joringel klagte auch. Sie waren so bestürzt, als wenn sie hätten sterben sollen:
sie sahen sich um, waren irre und wußten nicht wohin sie nach Hause gehen
sollten. Noch halb stand die Sonne über dem Berg und halb war sie unter.
Joringel sah durchs Gebüsch und sah die alte Mauer des Schlosses nah bei
sich; er erschrack und wurde todtbang. Jorinde sang


'mein Vöglein mit dem Ringlein rot

singt Leide, Leide, Leide:

es singt dem Täubelein seinen Tod,

singt Leide, Lei - zucküth, zicküth, zicküth.'


Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt,
die sang ' zicküth, zicküth.' Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal
 um sie herum und schrie dreimal 'schu, hu, hu, hu.' Joringel konnte sich nicht
regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand
 noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und
gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager:
große rothe Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte.
Sie murmelte, fing die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte
nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort. Endlich kam
 das Weib wieder und sagte mit dumpfer Stimme 'grüß dich, Zachiel, wenns
Möndel ins Körbel scheint, bind los, Zachiel, zu guter Stund.' Da wurde Joringel los.
 Er fiel vor dem Weib auf die Knie und bat sie möchte ihm seine Jorinde wieder geben,
 aber sie sagte er sollte sie nie wieder haben, und ging fort. Er rief, er weinte,
er jammerte, aber alles umsonst. 'Uu, was soll mir geschehen?' Joringel ging fort
und kam endlich in ein fremdes Dorf: da hütete er die Schafe lange Zeit. Oft ging
 er rund um das Schloß herum, aber nicht zu nahe dabei. Endlich träumte er einmal
des Nachts er fand eine blutrothe Blume, in deren Mitte eine schöne große Perle war.
 Die Blume brach er ab, ging damit zum Schlosse: alles, was er mit der Blume
berührte, ward von der Zauberei frei: auch träumte er, er hätte seine Jorinde dadurch
wieder bekommen. Des Morgens, als er erwachte, fing er an durch Berg und Thal zu
suchen ob er eine solche Blume fände: er suchte bis an den neunten Tag, da fand er die
blutrothe Blume am Morgen früh. In der Mitte war ein großer Thautropfe, so groß wie
die schönste Perle. Diese Blume trug er Tag und Nacht bis zum Schloß.
Wie er auf hundert Schritt nahe bis zum Schloß kam, da ward er nicht fest, sondern
 ging fort bis ans Tor. Joringel freute sich hoch, berührte die Pforte mit der Blume,
 und sie sprang auf. Er ging hinein, durch den Hof, horchte wo er die vielen Vögel
vernähme: endlich hörte ers. Er ging und fand den Saal, darauf war die Zauberin und
fütterte die Vögel in den sieben tausend Körben. Wie sie den Joringel sah, ward sie bös,
 sehr bös, schalt, spie Gift und Galle gegen ihn aus, aber sie konnte auf zwei Schritte nicht
 an ihn kommen. Er kehrte sich nicht an sie und ging, besah die Körbe mit den Vögeln;
da waren aber viele hundert Nachtigallen, wie sollte er nun seine Jorinde wieder finden?
Indem er so zusah, merkte er daß die Alte heimlich ein Körbchen mit einem Vogel
wegnahm und damit nach der Türe ging. Flugs sprang er hinzu, berührte das Körbchen
mit der Blume und auch das alte Weib: nun konnte sie nichts mehr zaubern, und Jorinde
stand da, hatte ihn um den Hals gefaßt, so schön wie sie ehemals war.
Da machte er auch alle die andern Vögel wieder zu Jungfrauen, und da ging er mit seiner
Jorinde nach Hause, und sie lebten lange vergnügt zusammen.


*****

Viel Vergnügen beim Lesen

1 Kommentar:

  1. Oh jaaaa, das kenne ich auch und fand es immer so toll.
    Danke fürs einstellen!

    LG Coco

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